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 Zeitzeugengespräch



vom 19.04.2018 00:00

Zeitzeugengespräch mit der Shoa-Überlebenden Liesel Binzer

 

Im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“ legte die geborene Shoa-Überlebende Liesel Binzer vor knapp 200  gespannten Schülerinnen und Schülern (9 und Q1) und einem Team des WDR-Münster in der Aula unserer Schule Zeugnis über ihr bewegtes Leben ab. Unterstützt und historisch eingeordnet wurde ihr Bericht dabei von dem Historiker Matthias Ester.

 

Liesel Binzer, die 1936 in Münster als Liesel Michel geboren wurde, musste zusammen mit ihrer Mutter Hilde und ihrem Vater Bernhard, der im Ersten Weltkrieg beide Beine verloren hatte und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war, im Jahr 1938 nach der Reichspogromnacht in ein Judenhaus in Münster (Am Kanonengraben 4) ziehen. Sie erinnert sich noch an die Enge in diesem Haus, das von 80 Menschen bewohnt wurde und in dessen Keller sie hausen mussten. Aber auch an ein „normales“ Leben, soweit es eben ging.

Prägend war für sie dann die Zeit im KZ Theresienstadt, in das sie im Alter von fünf Jahren und neun Monaten zusammen mit ihren Eltern am 31. Juli 1942 deportiert wurde. Insgesamt 15.000 Kinder waren in Theresienstadt interniert. Nur 150 haben überlebt. Dass sie eine dieser Überlebenden ist, ist für sie noch heute eine beklemmende Vorstellung. Als ein Wunder bezeichnete sie überdies die Tatsache, dass sowohl ihre Mutter als auch ihr schwer behinderter Vater die Shoa überlebt haben.

Besonders als Liesel Binzer von ihren Erinnerungen an das Leben im KZ sprach, war es in der Aula mucksmäuschenstill. Die kleine Liesel wurde unmittelbar nach der Ankunft von ihren Eltern getrennt und in einem „Kinderheim“ untergebracht. Kontakt mit ihren Eltern war ihr bis zu Befreiung am 8. Mai 1945 verboten. Im Kinderheim erkrankte sie auch an Masern und Scharlach, was dazu geführt hat, dass sie bis heute unter Schwerhörigkeit leidet. Aber es gab auch positive Momente: So hat sie, natürlich im Geheimen, schreiben, lesen und rechnen gelernt. Und an ihrem sechsten Geburtstag hat sie von tschechischen Kindern eine Torte mit einer Kerze bekommen. Beklemmend war auch ihr Bericht über ein trauriges Geschenk: So hat sie von einer Mutter eines ermordeten Kindes einen Teddybären geschenkt bekommen, der noch heute in ihrem Besitz ist.

Nach dem Krieg ist die Familie in das Elternhaus ihrer Mutter nach Freckenhorst gezogen – in dem zuvor „Nazis“ gewohnt haben, die es ihrer Familie im Zuge der „Arisierung“ geraubt hatten. In der Familie, so Liesel Binzer, war die Shoa fortan kein Thema mehr. Geschwiegen wurde auch während ihrer Schulzeit am Mariengymnasium in Warendorf. Auch gegenüber ihren drei Kindern hat Liesel Binzer lange geschwiegen, weil sie diese nicht mit ihrer Geschichte belasten wollte. Trotzdem hätten die Kinder immer gespürt, dass etwas nicht stimmt.

Erst seit 2011 hat Liesel Binzer begonnen über das Erlebte zu sprechen – in der Familie und in der Öffentlichkeit. Ihr ist besonders wichtig zu vermitteln, dass hinter den unvorstellbaren Opferzahlen der Shoa konkrete Menschen stecken, die so waren und sind wie ich und du. Menschen mit Hoffnungen und Ängsten, die um ihr Leben und ihr Zukunft gebracht wurden.

Dies haben die Schülerinnen und Schüler in eindrucksvoller Weise erfahren, was auch die zahlreichen Nachfragen im Anschluss an ihren Bericht belegen. In Anbetracht dessen, dass die Generation der Zeitzeugen im Begriff ist „auszusterben“, war die Begegnung mit Liesel Binzer für die Schülerinnen und Schüler des Städtischen Gymnasiums eine Erfahrung von unschätzbarem Wert.

Drei Mitglieder des Geschichts-Leistungskurses der Q1 haben dem WDR im Anschluss an das Gespräch noch ein kurzes Interview gegeben, das alsbald in der Sendung „Lokalzeit Münsterland“ zu sehen sein wird. Wann genau, wird im Vorfeld durchgesagt.

 

(T. Meemann)






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