Zeitzeugin Liesel Michel-Binzer am Städtischen Gymnasium



vom 13.04.2017 00:00

Das perfide System der Nazis



Peter Schniederjürgen (Ahlener Zeitung): Es muss der Horror gewesen sein und dennoch erschreckend normal für sie – die Kindheit von Liesel Binzer, geborene Michel. Sie verbrachte ihre ersten neun Lebensjahre unter dem Judenhass der Nazis. Für das kleine jüdische Mädchen keine guten Startbedingungen.

Darüber erzählte die Überlebende des Holocaust am Mittwoch den Geschichtskursen der Städtischen Realschule, der Fritz-Winter-Gesamtschule und des gastgebenden Städtischen Gymnasiums in der bis auf den letzten Platz besetzten Aula. Durch das Gespräch führte Matthias Ester vom Geschichtskontor Münster.

„Mit etwa 15 000 weiteren Kindern waren wir in einem Kinderheim in Theresienstadt – dem Vorzeige-Konzentrationslager der Nazis – untergebracht“, berichtete die 81-Jährige. Vorzeigelager deshalb, weil die NS-Schergen nicht davor zurückschreckten, mit Filmaufnahmen vom angeblich guten Leben der hier gefangen gehaltenen Juden die Öffentlichkeit zu täuschen.

Liesel Binzer musste selber dabei mitspielen. „Ich sollte in einem Café ein Eis essen, doch das war nur Attrappe.“ Menschlichkeit habe es nur unter den mitgefangenen Kindern gegeben. Als Liesel Geburtstag hatte, war sie schlimm an Scharlach erkrankt und ohne Medikamente dem Tode näher als dem Leben. Die anderen ebenfalls in der Krankenstation untergebrachten Kinder hatten ihr eine Geburtstagstorte besorgt. „Das freute mich ungemein, tatsächlich habe ich nach langer Zeit danach meine Krankheit überwunden.“

Im Lager war die Familie gleich auseinandergerissen worden: Mutter kam ins Arbeitslager, Vater in die Männerbaracken und Liesel in das Kinderheim. „Als sie dort ankamen, war es der Monat mit der höchsten Einlieferungsquote und der höchsten Sterblichkeit“, ergänzte Historiker Ester. Dabei hatte Liesels Vater Bernd Michel im Ersten Weltkrieg gekämpft, das seltene Eiserne Kreuz erster Klasse erhalten und beide Beine verloren. „Das war dem Nazi-Hetzblatt Der Stürmer einen widerlich verunglimpfenden Artikel wert“, fügte der Geschichtsforscher hinzu. Bernd Michel hatte wie viele andere Ex-Soldaten jüdischer Herkunft auf ihren bewiesenen Patriotismus und damit auf Schonung vor dem braunen Terror gehofft.

Ein Fehler, wie sich herausstellte. Von der gesamten elfköpfigen Familie Michel sind nicht weniger als acht Angehörige ermordet worden. In Münster musste die Familie in einem „Judenhaus“ am Kanonengraben leben. Ein Haus für vier Familien wurde von rund 80 Menschen bewohnt. Etwa 30 Kinder besuchten die inoffizielle Schule des Hauses, davon kamen 25 um.

„Dennoch war ich froh, als ich nach langer Zeit in Theresienstadt wieder zu meiner Mutter durfte“, sagte Liesel Binzer. Gemeinsam mit ihr habe sie die Befreiung durch die Alliierten am 8. Mai 1945 erlebt. Aber auch danach starben noch zahllose Häftlinge an den Folgen des KZ-Aufenthalts. „Es war das perfide System der Nazis: Entweder man arbeitete sich zu Tode oder es ging direkt ins Gas. So oder so, es gab keine Chance“, resümierte der Historiker.

 


Kategorie: Geschichte



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