Welttag der Philosophie 2017



vom 26.11.2017 00:00

Was darf Kunst?

Kontroverse Diskussionen am Städtischen Gymnasium zum „Welttag der Philosophie“/ Kunstphilosoph zu Gast

Darf ein Aktionskünstler eine tote Kuh über Berlin abwerfen, um den Menschen ihre Angst vor Fleisch zu veranschaulichen? Darf man sich selbst im Namen der Kunst öffentlich in den Arm schießen lassen, um eine Auseinandersetzung über Phantasien und Ängste, die Schießen und Schussverletzungen auslösen, anzuregen? – Diese und ähnliche Fragen diskutierten Schüler des Städtischen Gymnasiums anlässlich des von der Unesco ausgerufenen „Welttages der Philosophie“ am 16.11.2017 mit dem Dozenten Prof. Dr. Reinold Schmücker von der Universität Münster.

Philosophielehrerin Birgit Strasser, Praxissemesterstudierende Sofie Jaster,Schülerin Meryem Erdan (Q1), Professor Dr. Reinold Schmücker, Schülerin Michelle Brinkmann (Q1), Schülerin Anna Werner (Q2), Philosophielehrer Michael Kuhnoldt,, Dr. Anne Giebel (Stellvertretende Schulleiterin)


 

Die gut dreistündige Veranstaltung begann mit einem kurzen einleitenden Vortrag des Dozenten, der zunächst anhand mehrerer prominenter Beispiele aus der Kunst in den letzten 50 Jahren (1971 Chris Burden „Shoot“, 1974  Edward Kienholz „Still Live“, Marina Abramovic „Rhythm 0“, 2012 „Vladimir Umanets, A Potential Piece of Yellowism“  Signierung des Gemäldes „Black on Maroon“ von Mark Rothko sowie 2001 Wolfgang Flatz „Fleisch“-Performance) den Schülern zu vermitteln versuchte, wieso die Frage „Was darf Kunst?“ so eine interessante Frage sei. Das gelang offensichtlich so gut, dass die Schüler sich anschließend hoch motiviert in vier Arbeitskreisen mit je einem Beispiel kritisch auseinandersetzten. Kontrovers diskutierten sie die Moralität solcher Kunstaktionen und kamen so schnell zu der Frage, was Kunst eigentlich sei und ob es nicht auch für die Kunst Grenzen gebe, die sie nicht überschreiten dürfe. Bei der anschließenden Präsentation der Arbeitsergebnisse aller Gruppen in der Aula ging es dementsprechend recht lebhaft zu. Viele grundsätzliche Fragen standen plötzlich im Raum: Darf ein Künstler das Leid einer Gruppe für seine Zwecke ausnutzen, um selbst berühmt zu werden? Wo fängt Kunst an? Wo hört sie auf? Ist etwas nur deswegen keine Kunst, weil es moralisch falsch ist? usw. Schließlich erklärte ein Schüler, dass die Frage „Was darf Kunst?“ eigentlich sehr ungenau sei und man moralisch oder juristisch (z. B. mit Verweis auf den Tierschutz oder den Selbst-schutz des Menschen) argumentieren könne. Zudem hätte jeder von ihnen offensichtlich eine andere Auffassung von Kunst. An genau dieser Stelle schaltete sich Professor Schmücker ein und bestätigte die Eindrücke des Schülers. Tatsächlich versteckten sich hinter der Frage: Was darf Kunst? eigentlich zwei Fragen, nämlich: Was ist Kunst? Was ist moralisch richtig? „Wenn Kunst moralisch richtig ist, dann ist auch die Vermengung richtig. Aber ist Kunst moralisch richtig? Muss sie das sein?“ Juristisch könne man sich bei umstrittenen Kunstaktionen einfach an das Gericht wenden und fragen: „Was ist erlaubt?“, z. B. bei der Aktion „Hack-Art“, aber die moralische Seite sei viel schwieriger zu beantworten, da hier oft Uneinigkeit herrsche oder relativistische Positionen vertreten würden. Der eigentliche Knackpunkt sei aber die Definition von Kunst.  „Was ist denn Kunst? Wie kann man sie bestimmen?“ Es entstünde zwar oft der Eindruck, dass da die Auffassungen weit auseinandergingen, aber im Allgemeinen wisse eigentlich jeder genau, was Kunst ist. „Was also ist eine angemessene Definition von Kunst?“ Schmücker verwies in diesem Zusammenhang auf die bekannte Definition von L. Tolstoi: „Kunst […] ist […] Vermittlung von Gefühlen, die der Künstler empfunden hat.“, die er aber für zu simpel hält. Es gäbe schließlich vieles, was Gefühle vermitteln wolle, so auch das Weinen. Aber eine Ansammlung von Tränen sei deswegen nicht gleich Kunst. Für eine tiefergehende Reflexion des Kunstbegriffs blieb aber schließlich am Ende der Veranstaltung zum Bedauern aller Beteiligten keine Zeit mehr. Dennoch war die Veranstaltung, die nun schon zum zweiten Mal im Rahmen einer Kooperation des Philosophischen Seminars der Universität Münster mit dem Städtischen Gymnasium stattfand,  ein voller Erfolg und viele Schüler waren so begeistert, dass sie den Wunsch äußerten, den Professor recht bald einmal während einer Vorlesung  in Münster besuchen zu dürfen – was dieser gerne zugestand.


Kategorie: Philosophie




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